Zwischen Schreibfluss und Tölt-Takt – Das Experiment Islandpferde-Hofturnier

Tami Leysing • 13. Mai 2025

Zwischen Schreibfluss und Tölt-Takt – Das Experiment Islandpferde-Hofturnier

20/2025

Was könnte es Schöneres geben, als die kreative Schreibzeit für meine Bücher mit einem Ausritt durch die Westlichen Wälder zu krönen? Das gleichmäßige Klappern der Hufe im Tölt lässt uns Islandpferdereiter:innen selig werden. Das Rascheln der Blätter, der Duft nach Moos und frischem Holz – all das erdet mich. Deshalb nenne ich mich mit einem Augenzwinkern auch „Schreibende Islandpferdereiterin“.

Doch während ich mich im Kopf durch die Kapitel meines nächsten Romans arbeite, klopfte plötzlich eine ganz andere Herausforderung an: Unser Hofturnier im Mai. Ich gebe zu: Zuerst sträubte ich mich dabei zu sein. Prüfungen, Turniertrubel, Wertnoten – wenn ich nur daran denke, bekomme ich schon Schnappatmung. Aber die Überzeugungs-kraft meiner Stallgemeinschaft war hartnäckig. Nun bin ich also gemeldet: für Tölt in Harmony und der  Geschicklichkeitsprüfung durch einen lustigen Parcour.

Gerne wäre ich auch eine Töltprüfung auf der Ovalbahn mitgelaufen. Mein Islandpferd hat eine gute Veranlagung für Tölt, aber auch unendlich viel Energie. Wenn dann mehrere Reiter:innen um die Ovalbahn preschen, der Trubel des Turniergeschehens für Aufregung sorgt, könnte es durchaus sein, dass sie mir auf der Bahn davonschießt. Das möchte ich nicht riskieren. Was nicht heißt, dass ich aufgebe. Im Gegenteil. Es ist der perfekte Ansporn, mich diesen Herausforderungen zu stellen.

Was mir eindeutig fehlt? Die Zeit zum Üben bis zum Turnier. Meine letzte Reitstunde liegt mindestens zwei Jahre zurück, da ich es vorgezogen habe, nach den endlosen Schreibtischstunden gemütlich durch den Wald zu reiten. Sogar das Wissen über die genauen Anforderungen muss ich mir erst aneignen. Deshalb nehme ich euch mit auf meinen kleinen Selbstversuch – und erkläre, worauf es in den Prüfungen ankommt.

Tölt in Harmony – Die Harmonie zählt

Tölt in Harmony ist ein noch recht junges Prüfungsformat im Islandpferdesport. Entwickelt wurde es mit dem Ziel, die Ausbildung nach klassischen Prinzipien (Anlehnung an die Skala der Ausbildung) auch im Islandpferdesport zu etablieren – und so der Reitweise mehr Tiefe und Fairness gegenüber dem Pferd zu verleihen.

Laut IPZV-Definition geht es in diesen Prüfungen vor allem um:
  • Losgelassenheit und Leichtigkeit des Pferdes
  • feine Hilfengebung durch den Reiter
  • harmonisches Miteinander – keine Show, keine Spannung, kein Druck
  • natürliche Töltmechanik, kein erzwungener Takt oder spektakuläre Bewegungen
Die Pferde werden mit feinen Zügelverbindungen vorgestellt, dürfen sich frei und locker im Tölt bewegen. Wichtiger als spektakulärer Aktion ist der klar erkennbare Viertakt, der gleichmäßige Rhythmus, und das ruhige Gesamtbild.
Die Bewertung erfolgt in drei Klassen (Level 1–3), angepasst an Ausbildungsstand und Können:
  • Level 3 (Einsteiger): u.a. Tölt auf gerader Linie, einfache Übergänge
  • Level 2 (Fortgeschrittene): bereits mehr Lektionen, Übergänge, Handwechsel
  • Level 1 (Ambitionierte Reiter): anspruchsvolle Linienführung, viele Übergänge
Ich bin – zum Glück – als Einsteiger gemeldet und präge mir jetzt die Bahnfiguren ein.

Die klassische Töltprüfung – Tempo, Takt, Ausdruck


Ganz anders ist die klassische Töltprüfung nach IPZV, meist in der Form der T7 oder T3 geritten:

  • Tölt auf beiden Händen im langsamen Tempo
  • bei höheren Klassen auch Tempounterschiede, z. B. mittleres Tempo Tölt
  • Übergänge und Vollkreis, je nach Prüfungsart


Der Fokus liegt hier auf:

  • Taktklarheit: Ist der Tölt wirklich ein reiner Viertakt?
  • Losgelassenheit: Bleibt das Pferd entspannt und leicht zu reiten?
  • Form unter dem Reiter: Trägt sich das Pferd korrekt?
  • Ausdruck: Wirkt die Vorstellung flüssig, harmonisch und ansprechend?


Die Richter vergeben Einzelnoten von 0 bis 10 in mehreren Kriterien (Takt, Tempo, Form, Gehorsam usw.), und eine Gesamtnote am Ende entscheidet über die Platzierung.


Tölt in Harmony wird im Dressurviereck abgenommen. Das traue ich mir zu, da ist mein Islandpferd super zu handeln. Die Töltprüfung allerdings wird auf der Ovalbahn geritten und das mit mehreren Reiter:innen. Für mein Pony geradezu die Einladung für ein Wettrennen. Das traue ich mir zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu, sondern nutze das kommende Jahr, um vielleicht beim nächsten Turnier mit dieser Disziplin an den Start zu gehen.


Mein Weg – zwischen Laptop und Sattel


Die Vorbereitung sieht bei mir aktuell so aus:

  • Lesen statt Schreiben: Ich verschlinge die IPZV-Prüfungsanforderungen abends im Bett.
  • Visualisierung: Ich stelle mir die Prüfung im Kopf vor – eine Technik, die auch im Sport genutzt wird. Fast wie beim Schreiben, da entstehen die Szenen, die ich schreibe auch oft vorab in meinem Kopf.
  • Mini-Trainings: Kurze, gezielte Einheiten, in denen ich vor allem auf Losgelassenheit achte. Das hat am Wochenende zum Teil schon gut funktioniert.
  • Vertrauen: Mein Pferd kennt mich. Und wenn ich ruhig bleibe, ist die Synergie zwischen meinem Pferd und mir am besten. Ich arbeite daher viel an meinem eigenen mentalen Zustand, um ihr so viel Sicherheit wie nur möglich zu geben.


Und wenn wir am Turniertag ein paar saubere, taktklare und harmonische Runden auf dem Reitplatz hinbekommen, bin ich mehr als zufrieden.


Reiten mit Gefühl – Schreiben mit Tiefe


Ob auf dem Pferd oder am Schreibtisch – es geht mir um dasselbe: Verbindung, Harmonie, Ausdruck. Die Worte in meinen Texten sollen genauso fließen wie der Tölt unter mir. Beides verlangt Präsenz, Achtsamkeit und den Mut, loszulassen. Und wenn ich durch den Wald reite, eine Reitstunde absolviere oder an einem Turnier teilnehme ist das nicht nur Training für die Prüfung, sondern auch Nahrung für meine Geschichten.


Ich freue mich, wenn ihr mich – als Schreibende Islandpferdereiterin – weiter auf dieser Reise begleitet – beim Reiten durch den Wald, auf dem Turnierplatz oder beim Schreiben an meinem Schreibtisch.

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