Lesen, schreiben, überarbeiten: Was uns wirklich zu besseren Autor:innen macht
KW37/2026
Was braucht es, um gut schreiben zu können?
Talent?
Eine besondere Begabung für Sprache?
Die berühmte Inspiration, die hoffentlich genau dann auftaucht, wenn wir uns an den Schreibtisch setzen?
Je länger ich selbst schreibe und je mehr Manuskripte ich als Lektorin begleite, desto weniger glaube ich daran, dass gutes Schreiben vor allem eine Frage des Talents ist.
Für mich sind es drei Dinge, die viel entscheidender sind: Lesen. Schreiben. Überarbeiten.
Sie gehören zusammen. Und wahrscheinlich hört keines davon jemals auf, wenn wir uns als Autor:innen weiterentwickeln wollen.
Lesen verändert sich, sobald wir selbst schreiben
Ich lese heute anders als früher. Natürlich kann ich mich noch immer in einer Geschichte verlieren. Aber irgendwo läuft inzwischen eine zweite Ebene mit.
- Warum funktioniert diese Szene so gut?
- Weshalb bin ich dieser Figur nach wenigen Seiten so nah?
- Warum möchte ich unbedingt wissen, was als Nächstes passiert?
- Und genauso:
- Warum verliere ich gerade das Interesse?
- Weshalb berührt mich dieser eigentlich dramatische Moment nicht?
- Warum fühlt sich ein Dialog künstlich an?
Dieses Warum finde ich für das eigene Schreiben unglaublich wertvoll.
Denn sobald wir beginnen, Geschichten nicht nur zu lesen, sondern ihre Wirkung zu hinterfragen, lernen wir etwas über unser Handwerk.
Dabei können uns ausgerechnet Bücher besonders viel beibringen, die uns nicht gefallen.
Statt einen Roman mit einem schnellen "Boah" einfach nicht meins zur Seite zu legen, können wir genauer hinschauen.
Vielleicht fehlt der Hauptfigur ein Ziel, das wir wirklich verstehen. Vielleicht werden ihre Gefühle ausführlich erklärt, ohne dass wir sie erleben können. Vielleicht passiert auf zwanzig Seiten eine ganze Menge und trotzdem verändert sich nichts. Oder wir wissen längst, welche Wendung kommen wird, obwohl sie uns eigentlich überraschen sollte.
Und irgendwann passiert etwas Spannendes: Wir erkennen dieselben Muster im eigenen Manuskript.
Wir sollten nicht nur innerhalb unserer Lieblingsgenres lesen
Als Autor:innen haben wir häufig eine belletristische Heimat. Das ist gut. Schließlich sollten wir unser eigenes Genre kennen. Aber manchmal lohnt es sich, bewusst fremdzugehen.
Wer Romance schreibt, kann von einem Thriller lernen, wie Spannung entsteht und Informationen dosiert werden.
Wer Thriller schreibt, kann beobachten, wie andere Genres emotionale Nähe zu Figuren aufbauen.
Wer Jugendbücher schreibt, kann sich anschauen, wie unterschiedlich Erzählstimmen funktionieren.
Es geht dabei nicht darum, etwas zu kopieren. Es geht darum, den eigenen Werkzeugkasten zu erweitern.
Je unterschiedlicher die Geschichten sind, mit denen wir uns beschäftigen, desto mehr Möglichkeiten lernen wir kennen, eine Geschichte zu erzählen.
Schreiben lernt man trotzdem nur durch Schreiben
Wir können hundert Schreibratgeber lesen. Wir können Plotmodelle studieren, Figurenbögen entwickeln und wissen, was ein Midpoint, ein Konflikt oder ein Foreshadowing ist.
Irgendwann müssen wir schreiben, weil an diesem Punkt eine Erkenntnis wartet, die manchmal ziemlich unbequem ist:
Nicht alles, was wir schreiben, wird gut sein. Zumindest nicht sofort.
Ich kenne das aus meinem eigenen Schreiben genauso wie aus meiner Arbeit mit Autor:innen. Da gibt es Szenen, die beinahe von selbst entstehen. Und andere, an denen wir uns festbeißen.
Wir schreiben einen Absatz. Löschen ihn.
Schreiben ihn neu. Verschieben eine Szene.
Stellen fest, dass das Problem gar nicht in dieser Szene liegt, sondern drei Kapitel vorher entstanden ist.
Das kann frustrierend sein. Es ist aber kein Zeichen dafür, dass wir nicht schreiben können.
So ist Schreiben eben. Die erste Fassung muss noch nicht können, was die letzte können soll!
Vielleicht machen wir es uns manchmal unnötig schwer, weil wir von einem Text zu früh zu viel verlangen.
Wir wollen einen ersten Entwurf schreiben, der sich bereits wie ein fertiger Roman liest. Aber eine Rohfassung darf suchen. Sie darf Umwege nehmen.
Eine Figur darf anfangs noch blasser sein, als sie später sein wird. Ein Konflikt kann noch nicht tief genug greifen. Eine Szene darf zu lang geraten sein. Vielleicht schreiben wir sogar ein ganzes Kapitel, nur um später festzustellen, dass wir es überhaupt nicht brauchen.
Das Geschriebene war deshalb nicht nutzlos. Denn manchmal müssen wir eine falsche Version schreiben, um die richtige überhaupt erkennen zu können.
Für mich liegt darin ein wichtiger Unterschied zwischen Schreiben und Veröffentlichen:
Beim Schreiben darf etwas entstehen. Beim Überarbeiten muss ich entscheiden, was davon bleiben darf, um zu veröffentlichen.
Das macht das Überarbeiten so wichtig
Als Lektorin begegnet mir immer wieder die Vorstellung, Überarbeiten bedeute vor allem, Sätze schöner zu machen.
Für mich beginnt es viel früher. Bevor ich über einzelne Formulierungen nachdenke, interessieren mich andere Fragen:
- Was verändert diese Szene?
- Was will die Figur in diesem Moment?
- Was steht ihr entgegen?
- Warum muss diese Szene genau hier stehen?
- Welche Information braucht der Leser jetzt und welche noch nicht?
- Entwickelt sich die Handlung, die Figur oder eine Beziehung weiter?
Und eine meiner wichtigsten Fragen: Was würde fehlen, wenn diese Szene nicht da wäre?
Wenn die Antwort lautet eigentlich nichts, haben wir wahrscheinlich ein Problem gefunden.
Überarbeiten bedeutet deshalb nicht, einen schlechten Text nachträglich schön zu machen.
Es bedeutet, herauszufinden, welche Geschichte in diesem Manuskript steckt und wie wir sie möglichst wirkungsvoll erzählen können.
Das „Warum“ ist für mich eine der wichtigsten Fragen beim Schreiben
Das Warum verbindet alle Phasen!
Beim Lesen: Warum wirkt das auf mich?
Beim Schreiben: Warum handelt meine Figur so?
Beim Überarbeiten: Warum braucht meine Geschichte diese Szene?
Denn Schreibregeln allein helfen uns nur begrenzt.
- Show, don’t tell.
- Steig spät in die Szene ein.
- Vermeide Infodumps.
- Jede Szene braucht einen Konflikt.
Regeln können Orientierung geben. Aber erst wenn wir verstehen, warum etwas in einer bestimmten Geschichte funktioniert oder nicht funktioniert, können wir bewusst entscheiden.
Für mich beginnt gutes Schreiben nicht beim Befolgen möglichst vieler Regeln. Sondern beim Verstehen der eigenen Geschichte.
Vielleicht werden wir mit einem Roman niemals wirklich „fertig“
Natürlich kommt irgendwann der Moment, an dem wir das Manuskript loslassen müssen. Das Buch erscheint.
Und beim nächsten Roman stellen wir fest, dass wir wieder vor ganz anderen Problemen sitzen.
Ich empfinde das inzwischen weniger als frustrierend als früher. Denn wahrscheinlich besteht die Entwicklung als Autor:in gar nicht darin, irgendwann an einen Punkt zu gelangen, an dem Schreiben plötzlich leicht wird.
Es könnte lediglich sein, dass wir besser werden darin, dass …
- wir Probleme früher erkennen.
- wir genauer verstehen, weshalb etwas nicht funktioniert.
- wir über mehr Möglichkeiten verfügen, es zu lösen.
Und dann lesen wir wieder ein Buch und entdecken etwas, das wir selbst noch nie ausprobiert haben.
- Wir schreiben.
- Wir scheitern an einer Szene.
- Wir finden eine bessere Lösung.
- Wir überarbeiten.
Und beim nächsten Manuskript nehmen wir all das mit. Lesen verändert unser Schreiben. Schreiben verändert unseren Blick aufs Lesen. Und Überarbeiten lehrt uns, beides besser zu verstehen.
Es sind keine drei getrennten Fähigkeiten. Es ist dieser Kreislauf, der uns ein ganzes Autor:innenleben begleitet.
Wie ist das bei dir?
Liest du anders, seit du selbst schreibst? Und was fällt dir schwerer: die Rohfassung oder das Überarbeiten?
Erzähl mir gern davon in den Kommentaren. Weißt du heute etwas über das Schreiben, das du bei deinem ersten Manuskript gern schon gewusst hättest?









