Kurzgeschichte - Im Sturm
Tami Leysing • 11. April 2024
Kurzgeschichte - Im Sturm
15/2024
Die Sonne neigte sich langsam dem Horizont zu, als Finnja auf ihrem geliebten Islandpferd Loki durch die weiten Täler Islands ritt. Der Himmel über ihr leuchtete in den verschiedensten Farben, als sich die ersten Nordlichter am Firmament zeigten. Es war ein magischer Moment, in dem Finnja sich eins fühlte mit ihrem Wallach und der Natur um sie herum. Ihre Eltern waren nicht begeistert, wenn sie allein ausritt. „Zu gefährlich“, warnte ihre Mutter sie ständig. Doch Finnja hielt sich nie daran. Lokis Blick war so eindringlich, als er den Kopf über das Stallgatter schob und Fennja entgegenstreckte, dass sie die Bedenken ihrer Mutter beiseitedrängte. Loki entlockte ihr mit den suchenden Nüstern ein Leckerli und forderte mit den scharrenden Hufen einen Ausritt ein. Er wollte sicher der Langweile im Stall entgehen.
Finnja und Loki waren ein eingespieltes Team, das schon viele gemeinsame Abenteuer erlebt hatte. Doch an diesem Abend spürte Finnja eine besondere Verbundenheit zu ihrem treuen Gefährten. Die Nordlichter tanzten über dem Firmament, und es schien, als würden sie eine geheime Botschaft übermitteln. Ein kühler Wind wehte, doch das dichte Fellkleid des Ponys und Finnjas Reitoverall hielten die immer stärker werdende Brise ab. Loki schritt nervöser als sonst die übliche Strecke entlang und Finnja machte die Windgeräusche dafür verantwortlich, die das Pferd zwar gewöhnt war, aber gerne mal als Anlass nahm, die guten Manieren zu vergessen.Plötzlich durchzuckte ein greller Blitz den Himmel, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Donner. Finnja erschrak und Loki machte einen Satz auf die Seite, so dass Finnja beinahe die Balance verloren hätte. Doch sie fing sich schnell und obwohl ihr Herz pochte, zwang sie sich ruhig zu bleiben. Sie wusste, dass sie jetzt stark sein musste. Ein Sturm zog auf und das in einer solchen atemberaubenden Geschwindigkeit, wie sie das nie zuvor erlebt hatte. Der Regen setzte ein. Finnja kannte schnelle Wetterumschwünge in Island aber dieser hier war außergewöhnliche und hatte sogar sie völlig überrascht. Sie musste so schnell wie möglich einen Unterschlupf finden. Hier gab es weit und breit keinen Schutz, nichts als flache Ebene, Finnja und Loki waren sozusagen die einzige Erhebung, die ein Blitz sich hätte aussuchen können.
In Windeseile galoppierten sie durch die Dunkelheit, die so schnell über sie hereinbrach. Auf der Suche nach einem sicheren Versteck prasselte unaufhörlich der Regen auf sie nieder, und der Sturm heulte um sie herum. Der Weg war kaum noch zu sehen. Immer wieder wischte sich Finnja die Regentropfen aus dem Gesicht. Doch Finnja ließ sich nicht entmutigen. Sie war fest entschlossen, Loki so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen. Die beiden würden auch dieses Abenteuer zusammen meistern.
Es gab am Startpunkt eines Rundwanderweges eine alte Hütte, mit einem Stall für die Schafe, die dort überwinterten. Die Schwierigkeit war nur, dass Finnja die richtige Abzweigung nehmen musste. Im schnellen Galopp hatte sie kaum die Chance zu erkennen, an welcher Stelle sie genau war. Schließlich sah sie im Dunkeln, den Schatten eines Gebäudes. Das musste die Hütte sein, die ihnen Schutz vor dem Unwetter bot. „Wir schaffen das mein Freund“, beruhigte Finnja ihre tapferes Islandpferd. An der Hütte angekommen ließ Finnja sich erschöpft vom Pferderücken gleiten und sank abgekämpft auf den Boden. Lokis Mähne tropfte, als sie ihn unter das Dach führte. Doch trotz der Strapazen spürte sie eine tiefe Dankbarkeit für Loki, der sie sicher durch den Sturm getragen hatte.
Im Schutz der Hütte fand Finnja sogar etwas Wärme. Sie schlang ihre Arme um Loki und spürte, wie die Verbundenheit zwischen ihnen stärker wurde denn je zuvor. Es war, als würden sie eins sein, vereint im Kampf gegen die Widrigkeiten der Natur. Finnja fröstelte. Als der Sturm sich schließlich gelegt hatte und die ersten Sonnenstrahlen den Himmel erhellten, führte sie Loki aus dem Stall. Die wärmende Sonne entlockte Finnja ein Lächeln, dass sie ihrem Wallach schenkte. Sie hatte die Botschaft des Sturms verstanden. Die Verbundenheit zwischen ihr und Loki war stark und unzerbrechlich, und nichts auf dieser Welt konnte sie je trennen. Mit einem letzten Blick zurück zur Hütte, in der sie Schutz gefunden hatten, trabte sie mit Loki zurück auf den Hauptweg, der sie nach Hause bringen würde. Auch wenn nach Finnjas Heimkehr nun erstmal der Zorn ihrer Eltern über sie hereinbrechen würde, zog es sie und Loki doch wieder hinaus in die Welt, auf der Suche nach neuen Abenteuern und unvergesslichen Erlebnissen.

KW37/2026 Was braucht es, um gut schreiben zu können? Talent? Eine besondere Begabung für Sprache? Die berühmte Inspiration, die hoffentlich genau dann auftaucht, wenn wir uns an den Schreibtisch setzen? Je länger ich selbst schreibe und je mehr Manuskripte ich als Lektorin begleite, desto weniger glaube ich daran, dass gutes Schreiben vor allem eine Frage des Talents ist. Für mich sind es drei Dinge, die viel entscheidender sind: Lesen. Schreiben. Überarbeiten. Sie gehören zusammen. Und wahrscheinlich hört keines davon jemals auf, wenn wir uns als Autor:innen weiterentwickeln wollen. Lesen verändert sich, sobald wir selbst schreiben Ich lese heute anders als früher. Natürlich kann ich mich noch immer in einer Geschichte verlieren. Aber irgendwo läuft inzwischen eine zweite Ebene mit. Warum funktioniert diese Szene so gut? Weshalb bin ich dieser Figur nach wenigen Seiten so nah? Warum möchte ich unbedingt wissen, was als Nächstes passiert? Und genauso: Warum verliere ich gerade das Interesse? Weshalb berührt mich dieser eigentlich dramatische Moment nicht? Warum fühlt sich ein Dialog künstlich an? Dieses Warum finde ich für das eigene Schreiben unglaublich wertvoll. Denn sobald wir beginnen, Geschichten nicht nur zu lesen, sondern ihre Wirkung zu hinterfragen, lernen wir etwas über unser Handwerk. Dabei können uns ausgerechnet Bücher besonders viel beibringen, die uns nicht gefallen. Statt einen Roman mit einem schnellen "Boah" einfach nicht meins zur Seite zu legen, können wir genauer hinschauen. Vielleicht fehlt der Hauptfigur ein Ziel, das wir wirklich verstehen. Vielleicht werden ihre Gefühle ausführlich erklärt, ohne dass wir sie erleben können. Vielleicht passiert auf zwanzig Seiten eine ganze Menge und trotzdem verändert sich nichts. Oder wir wissen längst, welche Wendung kommen wird, obwohl sie uns eigentlich überraschen sollte. Und irgendwann passiert etwas Spannendes: Wir erkennen dieselben Muster im eigenen Manuskript.

14/2026 Viele Autor:innen glauben, Spannung entstehe nur durch Verfolgungsjagden, Explosionen oder dramatische Wendungen. Doch die Wahrheit ist: Die stärkste Spannung entsteht oft dort, wo scheinbar „nichts“ passiert. In Blicken. In unausgesprochenen Gedanken. In Entscheidungen, die noch nicht getroffen wurden. Wenn du lernst, Spannung ohne Action zu erzeugen, schaffst du Geschichten, die Leser:innen wirklich fesseln – weil sie emotional involviert sind.

12/2026 Obsessive Liebe ist ein faszinierendes, aber auch gefährliches psychologisches Phänomen. Wenn der Wunsch entsteht, einen Menschen ganz für sich allein zu besitzen, können toxische Dynamiken entstehen. In diesem Beitrag erfährst du, wie sich obsessive Anziehung entwickelt und warum dieses Thema eine zentrale Rolle in meinem Psychothriller Harsardspiel – Im Netz der Begierde spielt.






